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Sitzungskultur

Wie sich Frauen in Meetings besser behaupten

Geschäftsleute

 

Von Marvin Milatz und Carlotta Pilgram, Handelszeitung

 

Dutzende Managementstudien zeigen, dass Männer und Frauen im Sitzungsraum unterschiedlich ticken: Frauen lachen anders als Männer, sie tendieren zu einer komplizierteren Grammatik als ihre männlichen Kollegen und sie bleiben in Diskussionen ruhig, während männliche Kollegen sich in Alpha-Rangeleien verstricken.

«Wir hören immer wieder, dass Frauen sich mit ihren Anliegen in Sitzungen nur schwer gegen männliche Kollegen durchsetzen können», klagt Clivia Koch, Präsidentin des Schweizer Frauennetzwerks «Wirtschaftsfrauen». Um sich durchsetzen zu können, müssen Managerinnen auf die Fallen achten, die Männer in Meeting-Situationen legen, sie müssen sich der Strategien ihrer männlichen Kollegen bedienen. Koch empfiehlt: «Frauen müssen verstehen, dass Männer Rituale haben, und dieses Wissen zu ihrem eigenen Vorteil nutzen.»

 

Meeting als Kampfsport

In Management-Ratgebern kann man sich vor martialisch-männlichen Vergleichen beim Thema Männer-Meetings kaum retten. Das Meeting sei wie ein Rugby-Spiel, bei dem es darum gehe, mit Kraft und Körpereinsatz seine Rivalen auszuschalten, um den Punkt zu landen. Auch Referenzen zu Kampfsportarten sind gängig. Und so mancher Olympionike, der mit einer Goldmedaille nach Hause kam, referiert auf Jahrestagungen und Weihnachtsfeiern von Schweizer Grossunternehmen, wie man mit Stärke Macht demonstriert – im Leistungssport wie im Sitzungssaal.

Auch Wirtschaftsfrauen-Präsidentin Koch weiss um die Bedeutung von Macht und Position im Meeting: Sie startete ihre Berufslaufbahn als Direktionsassistentin und arbeitete sich bis zum Führungsposten einer der grössten Schweizer Pen­sionskassen hoch. «Sitzungen sind Termine, in denen man sich profilieren muss», sagt Koch. Männer machten das automatisch, sie seien so aufgewachsen, suchten den Wettbewerb – und in ihren Netzwerken sei es ganz alltäglich, sich anhand der Entscheidungsgewalt im Unternehmen zu definieren. Kochs Gegenwehr: Sie ist im Sitzungsraum so präsent wie irgend möglich, geht zum Flipboard und spricht laut.

 

Rituelle Unterschiede zwischen Frauen und Männern

Auch die Managerin Sigrid Ackermann stellt seit Jahren rituelle Unterschiede zwischen Frauen und Männern in Meetings fest: «Die eigene Stimme und die Sprechgeschwindigkeit wirken auf Männer und Frauen unterschiedlich», sagt die Leiterin der Geschäftseinheit Wind beim Schweizer Energieversorger BKW. «Das musste ich zuerst einmal realisieren.» Seitdem spricht die Managerin bewusster. «Das strahlt mehr Sicherheit aus.» Und es bleibt nicht nur bei der Stimme: Die Managerin musste das in vielen Firmen anscheinend ungeschriebene Gesetz erst einmal kennenlernen, dass Männer vor jedem Meeting allen Anwesenden die Hand reichen, egal, ob sie sich an dem Tag bereits gesehen haben oder nicht. «Seitdem ich dieses Ritual ebenfalls nutze, repräsentiere ich damit meine Position als Chefin weitaus besser als vorher», so Ackermann. Wie mit dem Brudergruss ­eines Geheimzirkels wurde die Managerin so anerkennend aufgenommen.

Barbara Mauch-Maier ist Geschäftsführerin der Mercedes-Benz Financial Services in der Schweiz und kennt es ebenfalls nicht anders, als in Meetings hauptsächlich von dunklen Anzügen umringt zu sein. «Ich habe mich dabei nie unwohl gefühlt, sondern den Männern ebenbürtig. In der Finanzindustrie braucht man ein gutes Selbst­bewusstsein, egal ob Mann oder Frau», so Mauch-Maier. Sie rät Frauen, die sich in Meetings schwertun, sich keinesfalls einschüchtern zu lassen. «Besonders in grossen Meetings ist es wichtig, sich frühzeitig zu Wort zu melden.» Wenn sie selbst als Geschäftsführerin ein Meeting leitet, achtet sie strikt darauf, dass jeder, egal ob extrovertiert oder schüchtern, ob Mann oder Frau, zu Wort kommt. Dadurch komme man schneller auf eine sachliche Ebene und vermeide Machtspielchen.

 

Das Spiel auf der Finanzklaviatur

Es führe auf die falsche Fährte, die physischen Unterschiede als einziges Hindernis für Frauen in Meetings zu sehen, meint die Psychologin Monika Müller. «Stimme, Auftreten, Angriffslustigkeit – alles wichtig. Aber Frauen übersehen die Bedeutung der Themen Strategie, Geschäftsziele und Zahlen», sagt Müller, die bei FCM Finanz Coaching CEOs und Börsianer coacht.

In ihrer über 15-jährigen Berufserfahrung als Finanzcoach stellte Müller immer wieder fest: «Frauen sind sehr gut ausgebildet, bekommen viel Lob, in die Top-­Positionen werden trotzdem die Männer befördert.» Nicht gläserne Decken verhindern, dass sich Frauen in Meetings profilieren und so an die Spitze im Unternehmen setzen. Die Expertin hat vielmehr ­einen blinden Fleck bei vielen Managerinnen ausgemacht. «Viele Frauen scheuen sich vor dem Thema Geld.» Das Problem: Frauen setzen sich inhaltsbezogen ein, wollen fragen, wollen verstehen.

Männer hingegen sind laut Müller eher bereit, sich auf Finanzen, Strategieentwicklung und Kennzahlen, also die harten Grundlagen eines jeden Meetings, zu fokussieren. «Wer erfolgreich eine Besprechung meistern möchte, muss diese Finanzklaviatur beherrschen», sagt Müller. Wer offen und profund über Geld spricht, hat Macht im Unternehmen. Frauen fühlen sich auf diesem Terrain oftmals unsicherer als männliche Kollegen. Haben Frauen das Thema Finanzen jedoch adoptiert und wissen es im Meeting für sich zu nutzen, sind sie deutlich erfolgreicher.