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Der Einfluss von schlechten Chefs

Als ich vor zwei Jahren den Oscar-nominierten Dokumentarfilmemacher Roko Belic zu einem Interview in New York traf, erzählte er mir unter anderem von einem bewegenden Gespräch, dass er mit dem damals 86-jährigen US-Historiker und Politologen Howard Zinn geführt hatte. Roko fragte Howard während des Drehs zu I Am, welche Erkenntnis aus seiner jahrzehntelangen Forschungstätigkeit der Mensch nie vergessen dürfe. Seine Antwort: «Menschen unterschätzen die Macht ihrer eigenen Stimme.»

Tatsächlich ist es so, das jeder Mensch im positiven als auch im negativen einen starken direkten und indirekten Einfluss auf andere ausübt. So fand eine schwedische Studie, für die über 3000 männliche Arbeitnehmer untersucht wurden, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen einem schlechten Chef und dem erhöhtem Herzerkrankungsrisiko seiner Angestellten besteht. Auch wurde belegt, dass dieses Risiko mit zunehmender Erwerbstätigkeitsdauer in derselben Firma ansteigt.

Im Rahmen dieser Untersuchung wurde ein guter Chef als jemand definiert, der Rücksicht auf seine Mitarbeiter nimmt, klare Ziele formuliert, Aufgaben delegiert, realistische Erwartungen setzt, konstruktiv kommuniziert und Feedback gibt sowie Veränderungs- und Entscheidungsfindungsprozesse effektiv managt. Ein schlechter Chef neigt hingegen dazu, diese Qualitäten nicht oder kaum aufzuweisen.

In die positive Richtung hat man ebenfalls Forschungen angestellt und Interessantes herausgefunden. So erschien in der September 2012 Ausgabe der deutschsprachigen Harvard Business Review der Artikel «Guter Chef, gute Verkäufer.» Mittels einer grossangelegten Studie im Finanzdienstleistungsbereich wurde gezeigt, dass sich der Umgang des Vertriebsleiters mit seinen Mitarbeitern unmittelbar auf deren Beziehung zu den Kunden auswirkt. Grund sei laut der Studie der beziehungsorientierte Verkaufsansatz der Finanzberater, der wiederum durch den Führungsstil der Vorgesetzten beeinflusst werden würde.

Der Einfluss einer einzelnen Führungsperson beschränkt sich aber nicht nur auf den Arbeitsplatz, sondern beeinflusst auch das familiäre Leben in den eigenen vier Wänden. So hat eine andere Studie von der amerikanischen Baylor Universität gezeigt, dass sich der Stress, den ein ausfallender Chef am Arbeitsplatz verursacht, negativ auf die persönlichen Beziehungen innerhalb der Familie des Angestellten ausgewirkt. Als «ausfallend» wurde eine Führungsperson bezeichnet, die zu Grobheit, öffentlicher Kritik und Demütigung, Wutanfällen und anderen rücksichtslosen Verhaltensweisen neigte.

 Wie man führt und mit anderen zusammenarbeitet, ob man gut oder schlecht gelaunt bei der Arbeit ist, ob man einem Kollegen aufmunternd auf die Schulter klopft oder öffentlich kritisiert – was wir sagen und tun zählt, und zwar nicht nur für uns selbst und die unmittelbar Betroffenen, sondern auch für deren Umfeld ersten, zweiten und teils sogar dritten Grades.